Selbstversuch: Kann ein Raspberry Pi einen Desktop-PC ersetzen?

 


Ich habe immer Entschuldigungen respektiert, wenn Verständnis im Spiel war. Das kostet mich in der Summe über 30 Euro, aber ich kann nicht riskieren, dass mein Raspi-Desktop wegen Überhitzung seine Taktfrequenz senkt. Doch nun scheint es, als würden die Krankenkassen ebenfalls eine unrühmliche Rolle in diesem schlechten Theater spielen. Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto.

Banken als Boten der Quoten!


Etwas aufgeregt klopfe ich an der Tür von Thorsten Leemhuis. Ich trete ein und warte geduldig, bis Thorsten zwei weitere Sätze ins Kernel-Log getippt hat. In die Stille zwischen den Anschlägen erkläre ich: Ich überspiele meine Unsicherheit, indem ich schneller rede: Thorsten schaut mich etwas mitleidig an.

Damit habe ich von meinem PC schon etwas Erfahrung. Scheinbar habe ich nichts ganz Dummes gesagt. Ich komme zu dem Schluss, dass Thorsten meinen Plan nicht komplett für Unsinn hält, ignoriere den Rest und mache mich auf den Weg.

Dazu kommt ein Netzteil, das mindestens 2,5 Ampere liefert, für 13 Euro. Mein Raspi-Desktop kostet in der Summe mehr als Euro. Ich finde heraus, dass das Image mit einem 4. Man braucht einen Kernel mit Raspi-spezifischen Patches, den man zwar als Paket in einem laufenden System installieren kann, mit dem es aber kein fertiges Image gibt.

Oder man bootet auf einem älteren Raspi 3, installiert den Kernel und steckt die Speicherkarte um. Auf dem Desktop bin ich nochmal 20 Sekunden später. Ich bin entsetzt, will aber noch nicht aufgeben. Nach dem nächsten Boot läuft der Desktop ein wenig flüssiger.

Während langer Ladezeiten fasse ich mal testweise auf diverse Chips und stelle fest: Meinem Raspi fehlt Kühlung! Sofort bestelle ich diverse Kühlkörper, Wärmeleitkleber und einen leisen mm-Lüfter für 5 V. Das kostet mich in der Summe über 30 Euro, aber ich kann nicht riskieren, dass mein Raspi-Desktop wegen Überhitzung seine Taktfrequenz senkt.

Durch diese Einstellung taktet er selbst unter Last nicht hoch, um Strom zu sparen. Nun läuft er grundsätzlich mit der höchstmöglichen Taktfrequenz. Voller Hoffnung starte ich Firefox unter Gnome. Die höhere Taktfrequenz ist fühlbar, von doppelter Geschwindigkeit kann aber nicht die Rede sein. Der Browser scrollt trotzdem nur mit etwa 10 Bildern pro Sekunde und hinkt allen Eingaben mindestens eine halbe Sekunde hinterher. Dass die sparsamer mit den knappen Ressourcen des Raspi umgehen, ist deutlich spürbar.

Leider scheinen sie dennoch keine 30 Bilder pro Sekunde zu schaffen. Selbst der Mauszeiger ruckelt leicht. Den hat Gnome immerhin verzögerungsfrei angezeigt. Einen Desktop zum Arbeiten stelle ich mir anders vor.

Zum Vergleich überspiele ich mein Arch mal mit einem ganz normalen Raspbian Download. Abgesehen davon startet unter Raspbian sofort ein gut konfiguriertes, schlankes System mit LXDE, das deutlich weniger altbacken aussieht. Das sieht viel eher nach einem System aus, auf dem man arbeiten kann.

Sofort verfalle ich in alte Verhaltensweisen und installiere sämtliche Programme nach, die ich auch auf meinem Core-i5-PC benutze. Als endlich der Dialog zum Erstellen eines Projekts erscheint, zeigt sie aber keine Ordner mehr an und reagiert nicht mehr. Ich lasse mich nicht entmutigen und starte sie aus einem Terminalfenster mit Angabe des Pfads zum Programmierprojekt neu. Damit kommt sie weiter, bleibt dann aber in einer Endlosschleife beim Indexieren des Projekts hängen.

Zum Programmieren muss ich wohl auf eine sparsamere Software umsteigen. Das hätte ich nicht tun sollen. In der Prozessliste steht kswapd jetzt ganz oben und versucht das System am Leben zu erhalten, während das RAM längst übergelaufen ist.

Mein System fühlt sich sofort an, als wäre es in dickflüssiges Gelee getaucht: Natürlich war die Erinnerung nie mehr als ein vager Schatten des realen Erlebnisses.

Dennoch reichte sie jedes Mal wieder aus, ihn in den leicht dümmlich vor sich hin lächelnden Jungen zu verwandeln, den er schon längst hatte hinter sich lassen wollen. Verärgert über sich selbst, schüttelte er so stark den Kopf, dass das Wasser von seinen Haaren spritzte und den Spiegel besprenkelte.

Nein, für Gracey wollte Adam nicht länger ein schwärmender Junge sein, für sie wollte er endlich zum Mann werden. Für sie wollte er lernen, lernen und noch mal lernen. Handeln, anstatt zu träumen. Das war sein Plan. Doch was so simpel klang, war leider ein ziemlich schwieriges Unterfangen. Zuvor hatte er es auf die einzige ihm vertraute Art und Weise versucht und seinen Stand damit so sehr verschlechtert, dass er nach dem Scheitern dieser erbärmlichen Taktik beschlossen hatte, sich zunächst auf unbestimmte Zeit zurückzuziehen und Gras über die Angelegenheit wachsen zu lassen.

Er hatte sie alle getäuscht. Sie hatte er nicht zu täuschen brauchen, war sie doch von sich aus eine kleine Rebellin, die eher ihrem übermütigen Herzen gehorchte als den vernünftigen Worten ihrer verstockt wirkenden Mutter.

Nein, Gracey war nicht wie sie. Nicht so ernst und zugeknöpft. Gracey war wunderbar temperamentvoll und ungehorsam. Sonst hätten die Bilder, die sich nun wieder in seinem Kopf ausbreiteten, nicht realen Begebenheiten entspringen und niemals Erinnerungen sein können.

Gracey merkte man an, dass ihr alter Herr aus Oklahoma stammte; durch ihre Adern floss unverkennbar das Blut einer Südstaatlerin. Ein stolzes Lächeln eroberte Adams Gesicht, als er daran zurückdachte, wie sie ihn in den kleinen Raum neben der Küche gezerrt und zwischen Besen, Leitern und Putzeimern stürmisch geküsst hatte. Vollkommen überrumpelt hatte sie ihn damit, auf so wunderbare Art. Doch das war lange her. Viel zu lange, wenn es nach Adam ging. Adam war es nicht fremd, auf sich allein gestellt zu sein, dennoch verabscheute er dieses Gefühl.

Gracey hingegen war noch nie zuvor in ihrem Leben mit wahrem Verlust konfrontiert gewesen, das hatte sie ihm selbst erzählt. Umso mehr wunderte es ihn, schon seit Wochen nichts mehr von ihr gehört zu haben. Sehnte sie sich denn nicht ebenso nach ihm, wie er sich nach ihr verzehrte?

Adam wusste, dass sein Freund David ihr die Nachricht über seinen momentanen Aufenthaltsort erfolgreich übermittelt hatte. Ihm konnte er vertrauen. Gracey hatte also Kenntnis darüber, wo er lebte und dass er dabei war, seinen Plan für ihre gemeinsame Zukunft, einen neuen Anfang, in die Tat umzusetzen. Dann schnitt er sich eine dicke Scheibe Brot ab, sammelte mit angefeuchteter Fingerspitze akribisch die Krumen vom Brett, wickelte den Rest des Laibs zurück in das Tuch und trat vor das einzige, winzige Fenster seines Zimmers.

Trotz der Kälte und des rauen Windes, der um das Haus pfiff, öffnete er das Fenster und beugte sich mit freiem Oberkörper in unfassbarer Sehnsucht den letzten Strahlen der untergehenden Sonne entgegen, als wollte er einen davon erfassen und den glühenden Stern daran zurück an den höchsten Punkt des Himmels ziehen.

Wieder ein Tag, der sich viel zu schnell dem Ende neigte. Wieder ein Tag, der ohne eine Nachricht von ihr verstrich. Als er gegessen und auch einen Schluck Wasser getrunken hatte, schloss Adam das Fenster und trat entschlossen hinter seinen Sekretär.

Es war ein schönes Möbelstück. Sein erstes eigenes, und Adam war sehr stolz darauf. Zwar schlief er dafür nach wie vor auf dem Boden, auf einer mit Stroh gefüllten Matratze, aber das war ihm egal.

Er kannte es ohnehin nicht anders; darum hatte er sich für den Sekretär entschieden, als es um seinen ersten Lohn ging. Seinen Schulabschluss wollte er so schnell wie möglich absolvieren. Da brauchte er keine butterweiche Matratze auf einem edlen Bettgestell, die ihn zum Schlafen einlud und ihm das Erwachen noch zusätzlich erschwerte.

Schreiben, rechnen und lernen in einer vernünftigen Haltung, in der er sich möglichst lange und gut konzentrieren konnte. Oh ja, Adam Winterfield war entschlossen. Und er war verstört und verzweifelt, weil er schon so lange nichts von seinem Mädchen gehört hatte.

Vermutlich hätte er selbst nicht sagen können, welches dieser Gefühle in seinem Inneren überwog, denn die Liebe zu Grace Alice Sanders überschattete und betäubte ohnehin alle anderen Gefühle, die sein junges Herz bereits kennengelernt hatte: Trauer, Angst, den bitteren Geschmack des Verrats, unsagbare Einsamkeit.

Und inmitten all dieses Elends jenes Quäntchen Glück, das ihn bis zum heutigen Tag lebendig gehalten und zur rechten Zeit an den rechten Ort geführt hatte. Zuerst in Graceys Arme und dann in dieses wunderbare, wenn auch ein wenig veraltete Haus am südöstlichen Rand von Seattle.

Wie sehr wünschte ich, Du würdest nun neben mir sitzen, mich noch einmal so ansehen wie vor all diesen Wochen und mir ganz beiläufig von Deinen schönsten Momenten dieses fast schon verstrichenen Tages berichten. Entstanden durch die fehlende Nähe zu Dir, mit jeder weiteren Minute durch meine Sehnsucht genährt, wurde es auch heute immer tiefer und schmerzhafter, wie eine klaffende Wunde.

An jedem einsamen Abend glaube ich fest, keinen weiteren Sonnenuntergang mehr ohne Dich zu überstehen. Doch Du bist nicht da, bleibst verschollen, bist fast so weit entfernt wie der Mond von der Erde, zumindest fühlt es sich so an.

Dennoch muss ich weitermachen. Ich atme, überrede mich zu jedem einzelnen Schritt, zu jedem Bissen Brot und zu jedem Schluck Wasser. In meinen Träumen wird nämlich alles gut, solange Du nur weiterhin davon überzeugt bist, ich sei der einzige Mann, der es schaffen kann, Glück und Zufriedenheit zurück in Dein Leben zu bringen, und vor allem, dort zu halten.

Denn kommt es nicht allein darauf an, liebste Gracey? Ich selbst stelle mir diese Frage ständig, und egal, wie die Dinge auch für uns ausgehen mögen, mein Lebtag lang möchte ich diesen Moment nicht vergessen, als ich auf Dich traf und Du auf mich, unter all diesen Menschen. Wie gut meinte es der Himmel damals mit uns, meine Gracey?

Du, meine Liebste, magst von Hause aus eine gewisse Etikette gewohnt sein. Aber lass mich erklären! Ich rede von all den vielen überschwänglichen Floskeln und Worten, die in Euren Kreisen immer wieder gesagt, in den seltensten Fällen aber auch gemeint werden.

Es tut mir leid, aber dies entspricht nicht der Weise, in der ich erzogen wurde. Meine Mutter, Gott hab sie selig, war zwar eine einfache, aber doch sehr kluge Frau. Sie pflegte stets zu sagen: Echte Freunde vertragen jedes aufrichtige Wort.

Niemandem wird es je gelingen, mir etwas anderes einzureden. Ich wünschte, du wärest gerade jetzt an meiner Seite und würdest mir zusehen, wie ich nun, wo die Kälte langsam Einzug in die Häuser hält, das Feuer in dem alten Kamin meines Zimmers schüre. Ich verspreche, ich werde sie Dir Abend für Abend vorlesen, ohne dessen müde zu werden, bis an das Ende unserer Tage. Ich vermisse Dich so sehr. Den Blick auf den schmalen Streifen des schwindenden Lichts am Horizont gerichtet, frage ich mich, wie viele einsame Sonnenuntergänge mir noch bevorstehen, Gracey?

Wann erlöst Du mich? Doch vor allem frage ich mich, ob ich es wohl jemals wagen werde, David mit einem weiteren Botengang zu beauftragen und Dir auch nur einen dieser erbärmlich schwülstigen Briefe zukommen zu lassen.

Gut, das ist nicht gerade die hilfreichste Antwort, aber zumindest ist er ehrlich. Und Ehrlichkeit scheint in dieser Welt ein rares, wertvolles Gut zu sein, wie ich soeben schmerzlich erfahren musste.

Am besten noch heute Abend. Und, ach ja, kündige ihr! Wo soll sie denn bitte hin? Mitten in Seattle, von jetzt auf gleich, und dann auch noch ohne Job? Sie kennt doch hier niemanden, ist praktisch völlig fremd.

Ich sehe alles, was du mir erzählst, bildlich vor mir. Es ist wie ein Fluch! Rob lässt die Luft, die er für weitere Ausführungen schon tief aus seinen Lungen geschöpft und in seine Wangen gepumpt hatte, wieder geräuschvoll entweichen.

Es passt ihm ganz und gar nicht, dass er nicht weiter auf seine Entdeckung eingehen soll, in der meine Freundin Jeannine und ihr muskelbepackter Fitnesstrainer die unrühmlichen Hauptrollen spielen. Aber Rob ist nicht nur mein Partner in der Kanzlei, sondern auch ein guter Freund. Und so wirft er resignierend die Hände in die Luft und lehnt sich so weit auf seiner Sitzbank zurück, dass sich sein rundlicher Bauch deutlich unter dem grauen Sweatshirt abzeichnet.

Ein Shirt, das seinem Namen heute alle Ehre gemacht hat. Die Aufregung über seine Entdeckung oder die körperliche Anstrengung?

Rob ist zehn Jahre älter als ich, steuert mit Riesenschritten auf seinen vierzigsten Geburtstag zu und versucht seit geraumer Zeit vergeblich, sein überflüssiges Bauchfett zu verbrennen. Mit diesem Ziel besuchte er heute zum ersten Mal seinen neuen Aerobic-Kurs.

Was er jedoch anstelle seiner Traumfrau entdecken musste, schockiert ihn bis jetzt immer noch sichtlich. Meine vermeintliche Traumfrau nämlich, die unter der Aufsicht des besagten Muskelprotzes mit einem Paar Hanteln trainierte. Der Personal Trainer meiner Freundin war dabei so aufmerksam gewesen, Jeannine ein wenig unter die Arme zu greifen. Seine Hände hatte er an Stellen ihres Oberkörpers platziert, die ich bislang naiverweise für privat erachtet hatte. An diesem Punkt seiner Schilderung habe ich ihn allerdings unterbrochen.

Mehr wollte und brauchte ich nicht zu hören. Strapse tragendes Schwein und so. Plötzlich schaut Rob von seiner Bierflasche zu mir auf. Seine Augen weiten sich, und für einen winzigen Moment blitzt die verrückte Idee in mir auf, er könne eine alles rettende Erleuchtung haben. Ich meine, sie dir und nicht umgekehrt.

Doch leider liegt er auch mit dieser vollkommen überflüssigen Bemerkung richtig. Dafür fühlte es sich einfach zu gut an. Und das war leicht, denn keines der Mädchen hatte mir wirklich etwas bedeutet. Ich lernte sie auf einer beruflichen Reise in Frankreich kennen, wo sie gerade für ein paar Wochen ihre Tante besuchte und in deren kleinem Bistro im Herzen von Paris jobbte.

Es war Liebe auf den ersten Blick, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie trug ein kurzes Kleid, strich sich immer wieder eine hellbraune Haarsträhne, die sich aus dem lockeren Zopf in ihrem Nacken gelöst hatte, hinter ihr Ohr zurück und nahm meine Bestellung mit einem kessen Lächeln entgegen.

Es traf mich wie ein Blitz. Ich meine, welcher Mann wird dabei nicht schwach? Seitdem Jeannine zurück nach Ontario flog und unmittelbar danach meiner Aufforderung folgte, mich in Seattle zu besuchen, fühle ich mich für sie verantwortlich.

Als sie einwilligte, erledigte ich sämtliche Behördengänge mit ihr und besorgte ihr sogar einen Job in unserer Kanzlei. Kaffee kochen, die Post öffnen, Telefonate annehmen, sollte unsere Sekretärin gerade anderweitig beschäftigt sein.

Aber so hatte Jeannine eine Arbeitserlaubnis, einen Job, und die Formalitäten waren erfüllt. Also machten wir unsere Beziehung bereits nach den ersten paar Wochen offiziell, und sie zog dauerhaft bei mir ein, obwohl ihre Eltern alles andere als begeistert davon waren.

Rob und ich einigen uns stumm, verneinen dankend und verlangen stattdessen die Rechnung. Die hübsche Blondine nickt, stellt unsere Flaschen auf ihr Tablett und wendet sich schwungvoll ab. Rob fällt es sichtlich schwer, seine Augen von ihr zu nehmen. Beinahe sehnsüchtig löst er seinen Blick von ihr und seufzt theatralisch.

Mit attraktiven Kellnerinnen flirten, tss! Er sollte es verdammt noch mal besser wissen. Und jetzt komm, ich habe heute Abend noch was zu tun.

Zum Beispiel meine treulose Freundin zur Rede stellen und so. Keine halbe Stunde später ist es so weit. Mit rasendem Herzen und einem unwohlen Grummeln im Bauch verlasse ich den Fahrstuhl und durchquere den schmalen Korridor, die Tür zu meiner Wohnung fest im Blick.

Meine Sinne befinden sich in Habtachtmodus, ich agiere angespannt und alarmiert. Jeannine hingegen sitzt seelenruhig und offenbar vollkommen relaxt auf meiner Couch und lacht über die abgedroschenen Sprüche irgendeiner Nachmittags-Sitcom. Ich verharre noch einen Moment stumm auf der Schwelle zu meiner Wohnung, bevor ich tief durchatme, den Knauf in meinem Rücken packe und die Tür entschlossen zudrücke.

Und das tun wir. Gut, eigentlich rede vorerst nur ich. Berichte ihr gestenreich, in einem leidenschaftlichen Monolog, dass Rob sie und Mr Sixpack unbemerkt beobachtet hat. Mache ihr unzählige Vorwürfe, zähle all die Dinge auf, die ich in den vergangenen Monaten, seit unserem Kennenlernen, für sie getan habe. Beobachte den sekundenlangen Schock in ihren Augen, der den letzten Hoffnungsschimmer auf einen Irrtum unwiderruflich auslöscht. Und plötzlich, ganz unverhofft, spüre ich einen starken, bislang unbekannten Schmerz, ausgelöst durch eine Erkenntnis, die zwar erst spät einsetzt, mich aber dennoch wie ein Schlag trifft.

Sie hat mich tatsächlich hintergangen. Vermutlich hat sie mich nicht einmal geliebt. Während mein Mund mitten im Satz offen stehen bleibt und ich wie ein Hornochse ins Leere gaffe, fängt sich Jeannine ausreichend, um ihren Schock unter Zorn zu begraben. Warüm bist du nischt einfach mitgekommen in die Fitnessstüdeo? Ihre Worte dringen seltsam gedämpft zu mir hindurch. Ich versuche, meine Fassung zurückzuerlangen, und blinzle so oft, bis ich wieder klar sehe.

Warum nur klingen ihre Vorhaltungen so, als wären wir schon seit Jahrzehnten miteinander verheiratet? Wir kennen uns nicht einmal sechs Monate! Und ich habe sie nicht beachtet? Das ist absolut lächerlich. Resigniert werfe ich die Hände in die Luft. Ich möchte, dass du ausziehst. Und zwar so schnell wie möglich. Dort prallt er ab, knallt zu Boden, schlägt eine Delle ins Parkett und zerschellt dabei lautstark. Nicht an diesem Abend.

Das würde meinem armen Appartement überhaupt nicht gut bekommen. Jeannine greift nach der Vase auf meiner Anrichte, die ich ihr erst vor wenigen Tagen in einem Designershop gekauft habe. Gerade noch rechtzeitig gelingt mir die rettende Verrenkung, bevor das edle Porzellan unmittelbar hinter mir, an der Innenseite meiner Wohnungstür, zerschellt. Vermutlich ebenso viele Scherben. Während mich meine vom Adrenalinkick noch zittrigen Beine zurück ins Parkhaus zu meinem Wagen tragen, zücke ich mein Smartphone und tippe eine schnelle SMS ein:.

Klapp schon mal dein Gästebett auf, ich bin in zehn Minuten bei dir. Und das ist ein Versprechen. Das hohe Schilf neigt sich im Abendwind und gibt die Sicht auf den See frei. Eine Weile sitzen wir nahezu reglos nebeneinander und starren über die leicht aufgeworfene Wasseroberfläche. Lediglich unsere Arme streifen sich bei jedem Atemzug. Leises Geschrei ertönt über uns und erwischt uns in seiner Eindeutigkeit so kalt, dass wir unseren Trotz postwendend unterbrechen, um mit zusammengekniffenen Lidern unter der Überdachung der Hollywoodschaukel hervorzuspähen.

Suchend starren wir in den blassgrauen Himmel. Die Dämmerung ist bereits so weit fortgeschritten, dass unsere Augen eine Weile brauchen, um den Schwarm winziger schwarzer Punkte auszumachen, der dem Horizont entgegensteuert. Amy lehnt ihren Kopf an meine Schulter, ich lege meinen Arm um ihren Rücken und ziehe sie an mich. Halte sie, stütze sie. In Momenten wie diesem müssen wir nicht sprechen.

Ein wehmütiges Seufzen entringt sich meiner Kehle. Sanft schmiegt Amy ihre Wange an meinen Oberarm und flüstert: Doch das ist es nicht und war es auch nie. Wir liebten beide denselben Mann. Und nun vermissen wir beide seine tiefe, leicht raue Stimme, seinen sanften, stets latent unsicheren Blick. Die Rufe der Zugvögel über unseren Köpfen werden immer leiser, bis der Schwarm nach und nach vom Grau der Dämmerung verschluckt wird. Die markanten Laute bleiben uns noch eine Weile erhalten, dann werden auch sie vom Rascheln des Schilfes überschattet.

Aber in diesem Moment nimmt Amy ihren Kopf von meiner Schulter und sieht mich so eindringlich von der Seite aus an, dass ich meinen wehmütigen Erinnerungen nicht länger nachhängen kann. Aber nur, wenn du mir versprichst, nicht wieder direkt abzublocken. Also lenke ich ein und hebe die Finger zum Schwur, wie eine Zwölfjährige. Amys Blick wird prüfender. Ich halte ihm stand, bis sie sich eine lange, wirre Haarsträhne ihrer braunen Mähne aus dem Gesicht fegt und endlich nickt.

Aber zuerst hilfst du mir, diese wild gewordenen Zwerge in ihre Betten zu verfrachten! Fred kommt sicher bald, und ich müsste unbedingt noch unter die Dusche springen. Die beiden sollten schon lange ihre Pyjamas tragen, doch stattdessen tollen sie quietschend in ihrer Unterwäsche umher. Die abgestreiften Kleidungsstücke liegen kreuz und quer im Kinderzimmer verteilt. Die beiden Kleinen quietschen laut auf und rennen zunächst kopflos hin und her. Doch dann packt Matty, der nur wenige Monate älter ist als Julie, seine Freundin bei der Hand und zieht sie beschützend mit sich unter das Bett.

Amy und ich legen uns bäuchlings davor, jeder von uns bekommt ein Kinderbein zu fassen. Ihr geht jetzt baden und putzt brav eure Zähne, dann darfst du auch mit Julie zusammen in ihrem Bett schlafen, in Ordnung? Mein Blick fällt auf Julie. Sie sieht aus wie ihr Vater, mit ihren dunklen Augen und den sanften Locken. Sie hat sogar seinen Schmollmund geerbt. Ja, er hat Amy einen Trost hinterlassen. Den besten der Welt. Ein wunderschönes kleines Mädchen, das meiner Freundin Tag für Tag von Neuem klarmacht, dass ihre Liebe zwar nicht glücklich endete, dass sie aber dennoch fruchtbar war.

Ich schrecke aus meinen trüben Gedanken, bemerke erst jetzt, dass das fröhliche Geschrei verebbt ist und Amy und Julie das Zimmer bereits verlassen haben. Hellblaue Augen schauen zu mir auf. Sie sind so viel näher, als ich erwartete, und so viel mitfühlender, als es das Alter des kleinen Jungen vor mir rechtfertigt. Und in diesem Moment, als ich mich dabei erwische, von einem gerade mal dreijährigen Kind getröstet zu werden, wird mir schmerzlich bewusst, dass sich in meinem Leben dringend etwas ändern muss.

Ich kann nicht ewig einem Mann hinterhertrauern, dessen Liebe ohnehin niemals für mich bestimmt war. Ich kann nicht weiterhin wie das fünfte Rad am Wagen zwischen meinen Freundinnen sitzen und sie voller Wehmut dabei beobachten, wie sie ein Leben leben, das ich mir auch für mich gewünscht hätte.

Ein bescheidenes, aber glückliches Leben mit Kindern und einem Partner, einem Ehemann, der mich ebenso liebt wie ich ihn. Wie schön wäre es, einmal nicht diejenige zu sein, die mehr liebt, die mehr gibt? Ein ganz normales Leben zu führen, mit Höhen und Tiefen. Mit durchwachten Nächten, aber auch mit Kitzelbären, Lachschluckauf und der Möglichkeit, von fröhlichem Geplapper geweckt zu werden. Mit Wochenenden, die man als Familie und ab und zu auch mal nur mit seinem Ehemann verbringt.